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Die 800.000-Lehrkräfte-Falle: Warum mehr Personal keine Lösung ist

Der Lehrkräftemangel könnte das Beste sein, was unserem Bildungssystem passiert ist – wenn wir ihn als Chance zum radikalen Umdenken nutzen. Denn das eigentliche Problem liegt nicht in fehlenden Köpfen, sondern in einem überholten System der planwirtschaftlichen Unterrichtsversorgung.

Deutschland diskutiert über fehlende Lehrkräfte – je nach Quelle und Prognose sprechen Expertinnen und Experten von 49.000 bis 72.000 unbesetzten Stellen bis 2035. Doch was, wenn wir die falsche Frage stellen? Was, wenn der Mangel nicht das Problem ist, sondern das Symptom eines Systems, das längst an seine Grenzen gestoßen ist?

Die Debatte um den Lehrkräftemangel wird mit verschleiernder Nostalgie geführt. Sie suggeriert, wir müssten nur genügend Personal finden, um zu einem funktionierenden System zurückzukehren. Doch die Fixierung auf die reine Anzahl von Lehrkräften verstellt den Blick auf das eigentliche Problem: Unser Bildungssystem gerät nicht trotz, sondern wegen der ihm zugrundeliegenden Architektur unter Druck. Die starre Logik der „Unterrichtsversorgung“, bei der Bildungsqualität in 45-Minuten-Einheiten pro Lehrkraft gemessen wird, erweist sich als zentrale Bremse für echte Transformation.

Die aktuellen Zahlen aus Berlin verdeutlichen das Dilemma: Zum Schuljahresbeginn 2025/26 wurden 4.277 Personen neu eingestellt – doch nur 23 Prozent davon, etwa 970 Personen, verfügen über eine volle Lehramtsbefähigung. Fast 2.000 Studierende, über 1.000 Seiteneinsteiger ohne volle Qualifikation und knapp 300 pensionierte Lehrkräfte gleichen den Mangel notdürftig aus. Diese Zahlen markieren keine temporäre Krise, sondern die neue Normalität. Sie zeigen: Das alte Versorgungsmodell funktioniert nicht mehr.

Die Bildungsforschung, insbesondere John Hatties Arbeiten, belegt die zentrale Bedeutung der Lehrkraft für den Lernerfolg – mit Effektstärken deutlich oberhalb des Schwellenwertes für substanzielle Wirkung. Heikel allerdings wird es, wenn diese Erkenntnis als Rechtfertigung für die Beibehaltung eines fragilen, dringend reformbedürftigen Systems herangezogen wird. Ja, die Lehrkraft ist entscheidend. Aber ist es nicht systemisch problematisch, die gesamte Verantwortung für den Lernerfolg junger Menschen auf die Schultern von über 800.000 Einzelpersonen zu legen?

Dieses Paradigma der Unterrichtsversorgung – eine Lehrkraft, ein Raum, eine Klasse – drängt Schulen in einen permanenten Mangelverwaltungsmodus. Strukturell erschwert das die Entwicklung hin zu multiprofessionellen Teams, in denen verschiedene Kompetenzen gemeinsam Lernprozesse gestalten. Es blockiert flexible und nachweislich wirkungsvolle Lernformate wie Projektarbeit, Lernbüros oder Coaching-Zeiten, weil sich diese nur schwer in die gewohnte Währung und Struktur der „Unterrichtsstunde“ übersetzen lassen.

Stundentafeln und 45-Minuten-Taktung repräsentieren den denkbar schlechtesten Fall eines Lernprozesses: abgeschlossene Lerneinheiten im Gleichschritt, ohne Bezug zu individuellen Lernbedürfnissen. Unterricht ist kein Lernprozess – er ist eine administrative Kategorie, die verhindert, dass sich ein am Kind ausgerichtetes Lernen als nachhaltiger Lernprozess entwickeln kann.

Anstatt veralteten Strukturen mit immer neuen, teuren Notmaßnahmen hinterherzulaufen, müssen wir die Systemfrage stellen: Ist ein Modell, das so fragil von der Verfügbarkeit einer einzigen, hoch spezialisierten Berufsgruppe abhängt, überhaupt zukunftsfähig? Die Antwort liegt nicht in weiteren Milliarden-Investitionen zum Stopfen von Löchern. Erforderlich ist ein struktureller Wandel, der die Verantwortung für das Lernen vom Individuum auf das System überträgt.

Drei Steuerungsfragen sollten im Mittelpunkt stehen:

  1. Schluss mit der planwirtschaftlichen Ressourcensteuerung: Das System braucht Steuerungsimpulse, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, möglichst viel Unterricht im Gleichschritt von Zeit, Ort und Alter zu versorgen. Stattdessen sollten sie offene, individualisierte und selbstgesteuerte Lernprozesse ermöglichen. Schulen benötigen flexible Budgets für multiprofessionelle Teams – mit entsprechenden zeitlichen und organisatorischen Freiräumen.

  2. Ein neues Berufsbild für pädagogische Professionalität: Wir müssen mit dem Glaubenssatz brechen, dass die einzelne Lehrkraft allein verantwortlich für den Lernerfolg ist und als Strukturelement der Unterrichtsversorgung fungiert. Die Hoffnung auf eine Lösung aller Herausforderungen durch die Einzelkämpfer-Lehrkraft als Heldin im Klassenzimmer führt in die Sackgasse. Es braucht einen Wandel des Berufsbildes: Lehrkräfte werden zu Lernprozess-Architekten und Lernbegleitern, mit differenzierten Karrierewegen für Spezialisierungen in Coaching, Materialentwicklung oder digitaler Didaktik.

  3. Qualität an Prozessen statt an Anwesenheit messen: Statt über Versorgung und Anwesenheit (Deputatsstunden) zu steuern, braucht es ein klares Zielbild für das, was Lernen ermöglichen soll: Basiskompetenzen, Future Skills sowie – wie im OECD Lernkompass 2030 beschrieben – Wellbeing und Selbstwirksamkeitserfahrungen im Lernraum durch Student Agency. Lernprozesse müssen darauf ausgerichtet werden, diese Ziele zu erreichen.

Der Lehrkräftemangel erweist sich als Katalysator für einen schmerzhaften, aber notwendigen Umdenkprozess. Erste Evidenz von Pionierschulen sollte uns ermutigen: Personal und Ressourcen lassen sich deutlich flexibler einsetzen – teilweise wird mit weniger Ressourcen eine höhere Lern- und Prozessqualität erreicht.

Entscheidend ist, ob wir den Mut aufbringen, über die Glaubenssätze und Denkmuster der planwirtschaftlichen Unterrichtsversorgung zu sprechen, diese zu hinterfragen und gemeinsam zu diskutieren, welche Steuerungsansätze wir benötigen. Nur so können wir den Lehrkräftemangel nicht als Problem, sondern als Chance begreifen, das aktuelle Paradigma zu überwinden und Lernen der Zukunft zu ermöglichen.

Dieser Text wurde zuerst am 17.10.2025 auf Bildung.Table veröffentlicht.

Lightning Talk auf der Konferenz Bildung Digitalisierung

„Wir brauchen mehr Lehrkräfte!“ – dieser Ruf hallt durch die Bildungslandschaft. Aber stimmt das wirklich? Der Lightning Talk von Björn Adam auf der Konferenz Bildung Digitalisierung am 24. September 2025 in Berlin stellt die scheinbar offensichtliche Lösung für unsere Bildungsprobleme auf den Kopf und enthüllt den Elefanten im Raum: Das Paradigma der Unterrichtsversorgung selbst ist die größte Bremse für echte Transformation.

Björns Talk zeigte, wie die planwirtschaftliche Logik der Unterrichtsversorgung uns in eine gefährliche Falle führt. Die Hattie-Studie belegt die immense Bedeutung der Lehrkraft für den Lernerfolg – aber genau das wird zum Problem: Wie können wir es uns leisten, die Qualität von Bildung von einzelnen Personen abhängig zu machen? Solange wir Bildungsqualität in Unterrichtsstunden messen und Ressourcen nach Stundendeputaten zuweisen, führt auch mehr Personal nur zu mehr vom Gleichen. 

Stattdessen braucht es ein fundamentales Umdenken: Wie können wir Lernen so organisieren, dass es nicht von der Verfügbarkeit einzelner Lehrkräfte abhängt? Wie sieht ein Bildungssystem aus, das Qualität an Lernprozessen statt an Unterrichtsversorgung misst? Und vor allem: Wie entwickeln wir ein Berufsbild, das für Lernende und die über 800.000 Pädagog:innen mehr Potenzial entfaltet und sie aus der Einzelkämpfer-Rolle befreit?

Womöglich ist der Lehrkräftemangel das Beste ist, was unserem Bildungssystem passieren konnte – wenn wir die Chance zum radikalen Umdenken nutzen.
 

Björn Adam ist Gründer von beWirken und Co-Leiter für den Bereich System Change. Als gemeinnützige Bildungsorganisation setzen wir bei der Transformation von Schulen auf einen ganzheitlichen Veränderungsprozess, auf agile, projekthafte Schulentwicklung und erprobte Good-Practice-Ansätze, die helfen können, die individuellen Herausforderungen in einem partizipativen Prozess umzusetzen – für eine nachhaltige Veränderung von Schule.

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