Diskurspapier-Rollendiversitaet

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Diskurspapier „Mehr als die Lehrkraft“ veröffentlicht

Unser neues Diskurspapier stellt der Personalfrage eine Strukturfrage voran: Schule muss Lernen so organisieren, dass es nicht an einer einzigen Rolle hängt.

Die bildungspolitische Debatte zum Lehrkräftemangel sucht seit Jahren dieselben Antworten: mehr Stellen, mehr Quereinsteiger*innen. Unser neues Diskurspapier „Mehr als die Lehrkraft“ setzt eine Ebene früher an. Es fragt nicht, woher die fehlenden Lehrkräfte kommen sollen, sondern warum Lernen sofort wegbricht, sobald eine Lehrkraft fehlt.

Der Konstruktionsfehler hinter dem Mangel

Der Grund liegt in der Bauweise des Systems. Lernen ist hierzulande fast vollständig an eine einzige Berufsfigur gebunden: Vermittlung, Beziehungsarbeit, Diagnostik, Förderung und Bewertung laufen in der Lehrkraft zusammen. Fehlt diese Person, fehlen alle ihre Funktionen auf einmal. Der Lehrkräftemangel macht damit ein Strukturproblem sichtbar, das lange vorher angelegt war: Das deutsche Schulsystem kennt lediglich die Logik „eine Klasse pro Lehrkraft“ und die Bemessung in Deputatsstunden.

Dass hinter dem Mangel ein strukturelles Muster steckt, zeigt der Blick auf wenige Kernzahlen: Die Kultusministerkonferenz erwartet bis 2030 zwischen 23.000 und 40.000 fehlende Lehrkräfte. Rund sieben Prozent der Schüler*innen verlassen die Schule ohne Abschluss (Nationaler Bildungsbericht 2024), und die Chancen auf eine Gymnasialempfehlung ist für Kinder aus akademischen Haushalten laut aktueller Studien 3,2-mal höher als für Kinder aus Arbeiterfamilien (IGLU-Studie 2021 u.a.). Das System hat also sowohl ein Versorgungs- als auch ein Wirkungs- und ein Gerechtigkeitsproblem. Und für alles gilt die Lehrkraft als Lösung.

Solange Schule allein als Versorgungsfrage verhandelt wird, bleibt diese Gestaltungsfrage offen. Als Zielbild skizziert das Papier eine Schule, in der Lernen von mehreren Rollen getragen wird, und eine Unterrichtsstunde nicht alles zugleich leisten muss. Zwei Ansatzpunkte beschreiben den Weg dorthin: eine Lernarchitektur jenseits der klassischen Unterrichtsstunde (etwa flexible Lernsettings, selbstorganisiertes Lernen, Projektlernen) sowie eine Rollendiversität, die einzelne Aufgaben wie Diagnostik, Lerncoaching oder fachliche Impulse auf verschiedene Professionen verteilt. Die Forschung stützt diese Richtung: Gemeinsames Wirksamkeitserleben im Team zählt zu den wirksamsten bekannten Faktoren für Lernerfolg (Donohoo, Hattie & Eells 2018).

Die 800.000, die schon unterrichten

Über 800.000 Lehrkräfte unterrichten heute in Deutschland. Ihr Berufsbild ist der größte Gestaltungsraum, den das Schulsystem hat: Es weiterzuentwickeln entlastet zuerst sie selbst und verändert Schule schneller, als neue Lehrkräfte ausgebildet werden können. Rollendiversität bedeutet nicht, Lehrkräfte zu ersetzen. Sie macht den Beruf wieder leistbar.

Vom Zukunftsforum zum Diskurspapier

Entstanden ist das Papier aus unserem „Zukunftsforum Lernbegleitung“ im März 2026 mit über 100 Akteur*innen aus Praxis, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Es führt die Erkenntnisse mit Interviews und langjähriger Begleitpraxis zusammen, formuliert bewusst zugespitzt und versteht sich als Impuls für einen Diskurs, der bisher vor allem über Versorgung geführt wird.

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