Entwicklungsmodell für die Transformation von Schule
Der Weg hin zu einer zukunftsorientierten Schule ist vielfältig. Jede Schule und alle Beteiligten sind gefordert, mutig neue Ansätze auszuprobieren und die Grundsätze von Schule und Lernen zu hinterfragen. Unser Entwicklungsmodell basiert auf fünf zentralen Dimensionen, die als Perspektiven und mögliche Startpunkte für die Transformation dienen.
Das Modell vereint wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiserfahrungen, um den Entwicklungsgrad und die Übergänge im Veränderungsprozess sichtbar zu machen. Es unterstützt dabei, die vorhandenen Bilder und Muster einer Schule zu erkennen und mögliche nächste Entwicklungsschritte zu definieren. Dabei ist es kein festes Rezept: Übergänge können fließend sein, und einzelne Schritte lassen sich unter Umständen überspringen.
Alle Phasen des Modells markieren jedoch grundsätzliche Veränderungen in den Rollen, Erwartungen und Haltungen gegenüber Lernen und Schulorganisation. Oft sind sie mit einem tiefgreifenden Wandel verbunden. Im Folgenden betrachten wir die Dimensionen und Phasen des Entwicklungsmodells, die den Prozess des Verlernens und Neulernens in der Schule prägen.
5 Dimensionen des Entwicklungsmodells
1. Dimension: Eigenständiges Handeln der Lernenden
Die Dimension „Eigenständiges Handeln der Lernenden“ beschreibt die Veränderung der Rolle der Lernenden im Lernprozess, aber auch gleichzeitig das Ziel des Lernprozesses, nämlich die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln im Lernen und der Fähigkeit, auch für sich und andere Verantwortung zu übernehmen und Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Der von der OECD 2019 hierfür geprägte Begriff der Student Agency beschreibt diese Kompetenz und Fähigkeit. Im Entwicklungsmodell sind hier drei prägende Entwicklungsstufen beschrieben, die jeweils vereinfacht den Grad der Verantwortungsübernahme von Lernenden beschreiben.
Kaum Übernahme von Verantwortung: Der in Schulen heute noch am häufigsten anzutreffende Zustand, in dem Lernende die Form und den Inhalt des Lernprozesses kaum oder gar nicht mitgestalten und nur in den gesetzlich vorgegebenen Formen an Entscheidungen in Schule beteiligt sind.
Mitverantwortung für Lernprozess und Schule: Eine deutliche Mitverantwortung für die Gestaltung des Lernprozesses meist in offenen Lernformen und Möglichkeiten und Unterstützung, aktiv und selbstbestimmt den Schulalltag mitzugestalten und an vielen Entscheidungsprozessen beteiligt zu sein.
Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft: Eine Übernahme von Verantwortung, die deutlich über den eigenen Lernprozess und die Schule hinausgeht. Verantwortung und Selbstwirksamkeitserfahrungen, die auch selbst initiiert auf Kontexte außerhalb von Schule wirken.
Die Mission Schulumfrage
- Workshop im Spielformat in 7 Levels
- komplett eigenständig von Schüler*innen durchführbar
- kreative und aktivierende Methoden für die Ideen- & Projektentwicklung
- schulweite Umfrage
- Material für bis zu 20 Schüler*innen
- empfohlen ab 8. Klasse
- Zeitrahmen flexibel (ab 2 Projekttagen)
- umfassendes & ansprechendes Begleitmaterial
- wiederverwendbares Grundmaterial
- nachbestellbares Verbrauchsmaterial
2.Dimension: Lernbegleitung und offene Lernformen
Die Ausgestaltung des Lernprozesses und die Rollen im Lernen werden von der Dimension „Lernbegleitung und offene Lernformen“ beschrieben. Die verschiedenen Entwicklungsgrade beschreiben, unabhängig von spezifischen Lern- oder Schulformen, die Art des Lernprozesses. Somit kann anhand des Entwicklungsgrads auch analysiert und diskutiert werden, welche Lernformen und Methoden oder neuen Rollen helfen, in eine veränderte Haltung gegenüber Lernenden zu kommen und auch zu prüfen, welche Rahmenbedingungen nötig sind, um die nächste Entwicklungsstufe möglich zu machen.
Lernbegleiter Journey Offen
In vier Monaten zur Lernbegleitung
Du bist Lehrkraft und möchtest dich auf den Weg machen zu einem neuen Selbstverständnis? Du willst zur Gestalter*in für lebendige Lernräume werden? Du hast Lust auf drei intensive, inspirierende Monate mit anderen neugierigen und interessierten Kolleg*innen? Dann ist unsere digitale Weiterbildungsreihe genau das Richtige für dich.
Auch neben deinem anspruchsvollen Vollzeitjob als Lehrer*in kannst du diese Weiterbildung gut in deinen Arbeitsalltag integrieren und bestimmst neben unseren regelmäßigen Online-Sessions selbst, wie viel Aufwand und Zeit du in deine Journey investierst.
Fremdgesteuertes Lernen: Die häufigste Form von Lernkonzepten in Schule heute, in Form von klassischem Unterricht, der überwiegend klar vorgegebene Inhalte und Formen der Übung in vorgegebenen Unterrichtszeiten oder Zeitabschnitten mit klarem Lernziel vorgibt und prüft.
Selbstgesteuertes Lernen: Formen des Lernens, die in differenzierten Unterrichtskonzepten oder bereits offenen Lernformen Möglichkeiten der Entscheidung und selbstständigen Steuerung lassen und wo bestimmte Aspekte wie Geschwindigkeit, Inhalte oder Lernzeiten vom Lernenden mitgestaltet werden können.
Selbstorganisiertes Lernen: Offene Lernformen, die einen hohen Grad an Steuerung und Organisation bei den Lernenden belassen. Durch unterstützende Rollen, wie eine Lernbegleitung, werden mit methodischen und inhaltlichen Angeboten und alternativen Prüfungsformen lediglich Rahmenbedingungen für Lernen geschaffen.
3.Dimension: Gestaltung von Lernorten
Der Lernort als wichtiges gestaltendes und den Lernprozess beeinflussendes Element ist in seiner Form und seinem Grad der Bedeutung für das Lernen in der Dimension „Gestaltung von Lernorten“ abgebildet. In der Dimension werden die grundsätzlichen historisch gewachsenen Formen von Schule mit funktional gestalteten Räumen, bis hin zu Entwicklungsmöglichkeiten von Schule als offener Lernort in regionalen Ökosystemen der Bildung und von Schule als abstrakte Form der verschiedenen Lernorte und Raumkonzepte sichtbar. Auch hier können die Übergänge in der Entwicklung der einzelnen Schule fließend sein. Die Entwicklungsstufen markieren jedoch wichtige Übergänge in der Nutzung von Lernorten für den Lernprozess und der Haltung, wo Lernen stattfinden kann.
Räume für eine Lernform geeignet: Dieser Entwicklungsgrad beschreibt den Zustand der meisten Schulen in Deutschland, die als Flurschulen geplant und gebaut sind und vorrangig klassische Klassenzimmer vorsehen, die in der Regel auch als solche eine Möblierung für einen zur Lehrkraft ausgerichteten Unterricht besitzen.
Lernorte für multiple Arten des Lernens: In diesem Entwicklungsgrad sind Räume und andere Formen von Lernorten überwiegend so ausgestattet und gegebenenfalls gebaut, dass sie diverse Formen von Lernkonzepten möglich machen und einladen, auszuprobieren. Es sind häufig Lernorte, die selbstgesteuertes Lernen und den Austausch mit anderen Lernenden ermöglichen oder sogar befördern.
Dynamische Lernorte und Öffnung nach außen: Diese Entwicklungsstufe markiert den Übergang zu neuen Formen von Lernorten und damit auch einer Veränderung der Perspektive, wo oder was Schule als Ort sein kann. Es beschreibt Raumkonzepte und Lernorte, die sich dynamisch durch ihre Nutzung entwickeln dürfen und die sich auch außerhalb des klassischen Schulgebäudes befinden oder mit einer hybriden auch nicht schulischen Nutzung vereinbaren lassen.
4.Dimension: Lernen in der Digitalität
Ein wichtiger Aspekt der Veränderung von Lernen in Schule und damit der Transformation von Schule hin zum Lernen der Zukunft ist die Digitalisierung von Informationen und ganzen Teilen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, das in einer neuen Form der Kultur der Digitalität stattfindet. In vielen Bereichen des Lebens hat Digitalität verändert, wie soziales Zusammenleben und Kommunikation ablaufen, wie Entscheidungen getroffen werden, gearbeitet, produziert oder konsumiert wird. Es sind neue Formen von Kunst und Kultur entstanden und Formen des außerschulischen Lernens, das die Möglichkeiten der Digitalität nutzbar macht und damit bereits zu Entwicklungen der Emanzipation von klassischen Lerninstitutionen und Lernformen geführt hat.
Digitalität als Werkzeug: Die erste Stufe der Entwicklung hin zum Lernen der Zukunft beschreibt einen Zustand, in dem Digitalität im Unterricht oder im Lernprozess als Werkzeug genutzt wird oder werden kann. Häufig sind in dieser Stufe digitale Medien oder Endgeräte lediglich der Ersatz für klassische Medien.
Digitalität als Methode: Der zweite Entwicklungsgrad beschreibt den Wendepunkt hin zu einer Digitalität mit Lernformen, die durch digitale Werkzeuge oder Möglichkeiten überhaupt erst umgesetzt werden können oder eine neue Qualität bekommen. Offene Lernformen machen Gebrauch von digitaler Unterstützung für den eigenen Lernprozess und eine intensive digitale Mediennutzung ist Teil des Schulalltags für Lernende und Lehrende.
Lernen in der Kultur der Digitalität: Die Dritte Entwicklungsstufe beschreibt Zustände, in denen Lernen und auch die Schulorganisation in einer Kultur der Digitalität stattfinden. Digitale Formen der Zusammenarbeit und des Lernens ermöglichen selbstorganisiertes und räumlich flexibles oder sogar hybrides Lernen. Die Nutzung digitaler Ressourcen ist ein selbstverständlicher Teil des Lernens, so wie dies in unserem Alltag bereits der Fall ist. Und es werden Lernkonzepte umgesetzt, die synchrones und asynchrones Lernen gleichermaßen möglich machen und digitale Lernwelten auch außerhalb von Schule selbstverständlich einbinden.
5. Zusammenarbeit in der Schulgemeinschaft
Für die Veränderung von Lernen in Schule ist die Gestaltung von Schulorganisation, Zusammenarbeit und auch die Art der Entwicklung von Lernprozessen ein essenzieller Teil der Resilienz für die Komplexität der Umwelt von Schule. Die Heterogenität von Lernenden und die zukünftige Veränderungsfähigkeit, um neue technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Schule abzubilden, braucht gut funktionierende Zusammenarbeit.
Die Dimension beschreibt auch, die Veränderung und den Lernprozess der Schule als Organisation zu einer wichtigen gemeinsamen Aufgabe der Schulgemeinschaft zu machen. Die Dimension der „Zusammenarbeit in der Schulgemeinschaft“ markiert dabei wichtige Wendepunkte und Unterschiede in den Rollen und Prozessen der Schulorganisation und kann so helfen, neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Einzelverantwortung der Akteure: Der erste Entwicklungsgrad beschreibt klassische Formen der Unterrichtsentwicklung und -versorgung, in der hauptsächlich die einzelne Lehrkraft für ihren Fachunterricht verantwortlich ist und sich die Kooperation im Kollegium und der Schulgemeinschaft hauptsächlich auf organisatorische Aspekte und schulgesetzliche Vorgaben beschränkt.
Teamarbeit und Kooperation: Im zweiten Entwicklungsgrad sind die gemeinsame Vorbereitung von Lernprozessen, gemeinschaftliches Wissensmanagement oder andere Formen der strategischen und organisatorischen Zusammenarbeit stark ausgeprägt. Es gibt gute Koordinations- und Führungsrollen und eine gute Feedbackkultur in der Schulgemeinschaft und dem Kollegium.
Schule als lernende Organisation: In einer dritten Entwicklungsstufe sind, neben guten Formen der Zusammenarbeit und arbeitsteiliger Organisation, auch multiprofessionelle Teams, feste Prozesse für Zusammenarbeit, Evaluierungen und Personalentwicklung etabliert, die auch Akteure aus dem Umfeld der Schule einbeziehen. Die Schule und die handelnden Personen haben Kompetenzen, feste Strukturen und Prozesse sowie freie Ressourcen für Projektarbeit, Schulentwicklung und Lernexperimente.
Fazit
Der Weg der Veränderung in allen Dimensionen des Lernkulturwandels ist immer ein Prozess des Verlernens und Neulernens, ein Ausprobieren, bei dem es Momente zu feiern gibt, aber auch Widerstand und Zeiten von Herausforderungen und Rückschlägen gemeistert werden wollen.
In einem Veränderungsprozess können wir aus Fehlern lernen, um uns gemeinsam schrittweise zu verbessern. Für die Veränderung von einigen Stukturen, Rollen und Prozessen brauchen wir einen ganzheitlichen Veränderungsprozess, für andere können wir auch schon im Kleineren loslegen. Diese Tipps sind kein fertiges Rezept für deine Umsetzung, sie haben sich aber aus unserer Erfahrung als praktische Hinweise bewährt. Wir beschäftigen uns auch mit Veränderung in Organisationen außerhalb von Schule und möchten dazu beitragen, dass Wissen aus diesen Veränderungsprozessen auch eurer Schulentwicklung helfen kann. Falls du das Thema vertiefen möchtest, begleiten wir dich gerne. Im nachfolgenden Kapitel gehen wir außerdem tiefer auf ganzheitliche Veränderungsprozesse in Schulen und ihre Erfolgsfaktoren ein.
- Klein anfangen & ausprobieren: In kleinen Schritten kannst du lernen und Erfahrungen sammeln. Vielleicht findest du so auch hilfreiche Mitstreiter*innen.
- Allianzen bilden: Finde andere, die mit dir gemeinsam auf die Reise gehen, mit denen du dich aus-tauschen kannst und die dich unterstützen. Gemeinsam seid ihr stärker.
- Unterstützung & Begleitung holen: Für Herausforderungen gibt es passende Hilfsangebote und Tipps, die dir helfen können. Wir empfehlen dir eine externe Begleitung und Moderation für deinen Prozess.
- Abstand vom Alltag gewinnen: Verlernen braucht Distanz und neue Perspektiven, um Zusammenhänge zu erkennen. Veränderung ist daher erfolgreich, wenn wir ganzheitlich und systemisch denken.
- Schüler*innen & Schulgemeinschaft einbinden: Um eine konstruktive und nachhaltige Veränderung zu erreichen, ist es wichtig, alle Beteiligten der Schulgemeinschaft in den Prozess mit einzubeziehen und immer wieder die Perspektive zu wechseln.
- Eine gemeinsame Vision & Strategie entwickeln: Euer Vorhaben oder die Transformation brauchen ein gemeinsames Bild der Zukunft. Das Entwicklungsmodell kann euch dabei helfen.
- Veränderung als Prozess denken: Veränderungsprozesse sind nicht planbar, aber sie brauchen einen guten Rahmen und Steuerung, die einen Raum schafft, psychologisch sicher Experimente zu machen und gemeinsam zu lernen.
- Transformation führen & verstetigen: Erfolgreiche Veränderung braucht Momente der klaren Entscheidung. Personen und Gremien, die dafür sorgen, dass Gelerntes in der Organisation in kollektives Handeln übersetzt und in neuen Rollen verankert wird.
Prozessbegleitung
Intensive Begleitung eurer Schulentwicklung
Wir begleiten euch nachhaltig in eurem Prozess und unterstützen auf allen Ebenen der Veränderung mit passenden Angeboten.
- Langfristige Begleitung und Unterstützung
- Partizipativer Prozess mit unserem ganzheitlichen Ansatz der Schulentwicklung
Autor: Judith Holle
Judith Holle ist Co-Geschäftsführerin bei beWirken. Sie ist studierte Pädagogin und begleitet als systemisch-transaktionsanalytische Beraterin Schulen in Transformationsprozessen. Mit ihrer Expertise für offene Lernformen entwickelt sie für beWirken wirkungsvolle Konzepte und Angebote für Lehrkräftefortbildung und Schulentwicklung.
Autor: Björn Adam
Björn Adam ist Gründer und Co-Geschäftsführer von beWirken. Als gemeinnützige Bildungsorganisation setzen wir bei der Transformation von Schulen auf einen ganzheitlichen Veränderungsprozess, auf agile, projekthafte Schulentwicklung und erprobte Good-Practice-Ansätze, die helfen können, die individuellen Herausforderungen in einem partizipativen Prozess umzusetzen – für eine nachhaltige Veränderung von Schule. Mehr über unseren Ansatz der ganzheitlichen Schulentwicklung.
Autor: Teresa Zierer
Teresa Zierer hat während ihres Studiums der Public Governance das Thema Bildung zu ihrer Berufung gemacht. Mit beWirken hat sie im Rahmen eines Innovationsprojekts die Angebote von UnLearn School entwickelt und die zugehörige Kampagne #UnLearnSchool koordiniert.