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Lernhafen – Selbstorganisiertes Lernen an der Emmi-Bonhoeffer-Schule

Wie sieht selbstorganisiertes Lernen aus, wenn es nicht bei einem Pilotprojekt bleibt, sondern zur gelebten Schulkultur wird? Am 19. März haben wir uns das live angeschaut – und waren beeindruckt von den Räumlichkeiten und der rasanten Entwicklung der Emmi-Bonhoeffer-Schule.

Text von Sönke Möller

Morgens um 8:30 im Osten Schleswig-Holsteins, 5 Kilometer von der Ostsee entfernt. Was von der Straße wie eine kleine, konventionelle Dorfschule wirkt, entfaltet im Inneren – wenn man den Grundschul-Altbau durchschritten hat – eine enorme Weite. Ganz anders als die traditionelle Flurschule. Noch sind manche der neu gebauten Räume nicht bezugsfertig. Helles Holz, freundliche Töne, schräge Sichtachsen, skandinavische Anmutung. An anderer Stelle schlendern Schüler*innen entspannt durch die Flure. Eine Oase. Als Besucher spüren wir sofort: Hier funktioniert Schule anders.

Als wir die Hospitations-Einladung des Programms „PerspektivSchule Kurs 2034“ des Ministeriums für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein bekamen, war die Neugier sofort da. Eine Schule, die selbstorganisiertes Lernen täglich lebt – das wollten wir in der Praxis erleben.

Wir gehen auf Lernreise

Die Emmi-Bonhoeffer-Schule in Pönitz bei Ostholstein ist eine Grund- und Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Keine Vorzeige-Schule mit Sonderstatus und Extrabudget, sondern eine Schule wie viele andere – die sich aber auf den Weg gemacht hat. Im Herbst 2024 startete sie mit dem „Lernhafen“, ihrem Rahmenkonzept für eine neue Lernkultur. Und wir durften am 19. März 2026 dabei sein, um genau hinzuschauen, was sich seitdem verändert hat – nur anderthalb Jahre später.

Der Einladung zu dieser Hospitation sind sieben schleswig-holsteinische Startchancen-Schulen gefolgt. Das von „PerspektivSchule Kurs 2034“ gesetzte Format selbst war bereits ein Signal: Lernreise. Keine Konferenz, kein Vortrag. Sondern: hingehen, schauen, fragen, reflektieren. Genau das, wozu  wir bei beWirken auch die Schulen, die wir beraten, immer wieder ermutigen. 

Schulleiter Wolfram Henkies und sein Kollege Alexander Zorn führen uns, zusammen mit Kolleg*innen aus den Startchancen-Schulen, durch die Räume und erzählen von der Entwicklung ihrer Schule. Sönke Möller und Karl Autrum aus unserem Schulentwicklungs-Team sind heute nicht nur als Beobachter, sondern auch als Workshopgebende zum Thema „Praxistransfer der Hospitation in die eigene Schule” mit dabei.

Der Lernhafen: Mehr als ein schönes Bild

Der Name ist Programm. Die Schule in Ostsee-Nähe arbeitet bewusst mit maritimer Sprache: Lernhafen, Meile, Segelreise – Wörter, die nicht zufällig gewählt sind. Sie schaffen gemeinsame Bilder, stiften Identität und geben Orientierung. Wer in einem Hafen ankert, ist sicher. Wer die Meile segelt, bewegt sich.

Das klingt vielleicht nach Marketing – aber es ist weit mehr. In Schulen, die Transformation ernst nehmen, ist gemeinsame Sprache ein echter Hebel. Sie sorgt dafür, dass alle – Schüler*innen, Lehrkräfte, Eltern – wissen, wovon sie reden. Und sie verankert eine Haltung, die man sonst schwer greifen kann: „Uns soll es hier gut gehen – miteinander.“ Dieser Satz, den Schulleiter Wolfram Henkies mit Überzeugung ausspricht, ist kein Leitbild auf Hochglanzpapier. Er ist gelebte Grundlage.

Die MEILE: Selbstorganisiertes Lernen als Alltag

Das zentrale Lernformat heißt MEILE – kurz für „Meine Lernzeit“. In der MEILE arbeiten Schüler*innen selbstorganisiert, vor allem in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch, Gesellschaftswissenschaften und den Naturwissenschaften. Fächer mit nur einer Wochenstunde sind noch nicht vollständig integriert – das Konzept wächst also noch.

Was das konkret bedeutet: Ein ganzer Jahrgang geht gemeinsam in die MEILE. Das ermöglicht Doppelbesetzungen – zwei Lehrkräfte in einem Raum, die für diejenigen da sind, die Fragen haben oder Unterstützung benötigen. Lernbegleitung statt frontalem Input. Die Schüler*innen sitzen an Tischen, die in U-Form gestellt sind. Sie arbeiten eigenständig mit Materialien und Aufgaben, die über die Plattform itslearning bereitgestellt werden. Jede Schülerin, jeder Schüler hat ein iPad. Ergebnisse werden hochgeladen, Lehrkräfte geben gezieltes Feedback.

Was wir beobachtet haben: Es ist ruhig, fokussiert. Schüler*innen, die miteinander arbeiten, einander helfen, Aufgaben selbst aufrufen. Keine Unruhe, kein Stress, kein Warten auf die nächste Ansage. Das ist nicht selbstverständlich – und es passiert nicht einfach so.

Segel und Hilfssegel statt Beliebigkeit

Selbstorganisiertes Lernen heißt nicht: mach, was du willst. An der Emmi-Bonhoeffer-Schule gibt es dafür ein klares Gerüst: die Segel und Hilfssegel. Sie beschreiben, wie selbstorganisiertes Lernen funktionieren soll, welche Kompetenzstufen es gibt und wie Feedback strukturiert eingesetzt wird. Schüler*innen können sich auf diesen Stufen selbst einordnen und wissen, wohin ihre eigene Entwicklung geht.

Das ist ein wichtiger Punkt – und einer, den wir in unserer Arbeit immer wieder betonen: Freiheit braucht Struktur. Nicht als Widerspruch, sondern als Voraussetzung. Wer weiß, woran er/sie arbeitet und was das Ziel dabei ist, kann selbstständig arbeiten. Wer hingegen orientierungslos ist, braucht Kontrolle von außen. Die Segel und Hilfssegel machen Freiheit möglich, weil sie Orientierung geben.

Das Herzstück: Kompass-Gespräche

Wenn man fragt, was das Konzept zusammenhält, kommt die Antwort klar: die Kompass-Gespräche. Das sind regelmäßige, individuelle Entwicklungsgespräche zwischen Lehrkraft und Lernenden, und sie sind laut Schulleitung das entscheidende Element. 

Kompass-Gespräche bedeuten Lerncoaching und finden möglichst während der MEILE statt, manchmal in Inputstunden mit Doppelbesetzung, manchmal in der Lesezeit. Sie sind kein Add-on, sondern strukturell verankert. In ihnen zeigt sich, was Lernbegleitung wirklich bedeutet: nicht vorn stehen und erklären, sondern daneben sein, fragen, spiegeln, begleiten, coachen.

Das ist genau die Rollentransformation, die wir bei beWirken immer wieder als zentral beschreiben – von der Lehrkraft als Wissensvermittler*in zur Lernbegleiter*in.

Agile Schulentwicklung: Iterativ, mutig,
klar geführt

Was uns besonders beeindruckt hat: die Art, wie agil und experimentierfreudig die Schule in ihrer Schulentwicklung ist. Und wie sie dabei mit Unsicherheit umgeht. Ausprobieren, testen, evaluieren, anpassen – das ist die explizite Arbeitsweise. Kein Perfektionismus, kein Warten auf den richtigen Moment. Sondern: einen Schritt machen, schauen, was passiert, und dann weiterdenken.

Gleichzeitig – und das ist genauso wichtig – gibt es klare Führung. Das Schulleitungsteam hat ein klares Bild davon, wohin die Schule will. Dieser Orientierungsrahmen ist nicht verhandelbar, aber der Weg dahin wird gemeinsam gestaltet. Das ist eine Balance, die viele Schulen schwer finden: zwischen Offenheit und Richtung, zwischen Beteiligung und Entscheidung.

Eltern und Konzept

Bemerkenswert ist auch, wie die Schule ihre Schulgemeinschaft einbindet. Eltern werden aktiv beteiligt – über eine offene Steuergruppe und Elternbefragungen. Das ist kein Zufall. Wer Kulturwandel nachhaltig gestalten will, kann ihn nicht nur intern entwickeln.

Nach anderthalb Jahren intensiver Entwicklungsarbeit wird die Schulkonferenz das Konzept formal verabschieden. Das zeigt: nachhaltiger Wandel braucht echte Beteiligung. Kein Top-down-Beschluss, sondern ein gemeinsamer Lernprozess – der sich dann auch trägt. Ein Schulentwicklungsprozess dauert meistens fünf bis zehn Jahre und beginnt, wie die Emmi-Bonhoeffer Schule beweist, immer mit einem wichtigen Schritt, mit dem sich bereits viel erreichen lässt.

Was wir mitnehmen

Die Lernreise an die Emmi-Bonhoeffer-Schule hat bestätigt: Transformation ist möglich. Sie braucht kein Sonderbudget und keinen perfekten Startmoment. Sie braucht Mut, Klarheit, Gemeinschaft – und ein ehrliches Interesse daran, wie Lernen wirklich funktioniert.

Was uns besonders bewegt hat: die spürbare Entspanntheit. Weniger Aufregung, mehr Ruhe. Schüler*innen, die ankommen. Lehrkräfte, die begleiten statt zu kontrollieren. Eine Schule, die wirklich für ihre Menschen da ist.

Das Programm „Perspektive Schule“ des Bildungsministeriums Schleswig-Holstein hat mit diesem Lernreise-Format etwas Kluges geschaffen: keine Theorie-Veranstaltung, sondern konkrete Praxisbegegnung. Genau das, was Schulentwicklung braucht – mehr Kontakt mit dem, was schon gelingt. Auch deshalb empfehlen wir Lehrkräften und Schulen, die wir im Veränderungsprozess begleiten, immer zu hospitieren und mit anderen Schulen, die schon nächste Schritte gegangen sind, in den Erfahrungsaustausch zu gehen.

Wir freuen uns darauf, die nächsten Lernreisen in Schleswig-Holstein mitzugestalten – und darauf, die Impulse aus Pönitz in unsere eigene Arbeit einfließen zu lassen.

Mehr über die Emmi-Bonhoeffer-Schule: ggems.de

Sönke Möller glaubt daran, dass Schulen sich nicht alleine verändern müssen — und dass der Blick von außen oft der entscheidende Unterschied ist. Als Leiter Schulentwicklung bei beWirken bringt er einen BWL-Hintergrund und jahrelange Erfahrung in Transformations- und Organisationsentwicklung aus der Wirtschaft mit. Was ihn antreibt: Lernkulturwandel, der wirklich trägt. Dafür denkt er systemisch — über die einzelne Schule hinaus, im Zusammenspiel mit anderen Schulen, Schulträgern und Schulaufsicht. Weil Veränderung dann nachhaltig wird, wenn sie gemeinsam getragen wird.

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