Deep Dive 2026: Rolle der Lehrkraft
Mehr als die Lehrkraft
Ein Diskurspapier zum Wandel des Berufsbilds und zu einer neuen Rollendiversität in Schule.
Zu wenig Personal, zu viel Erwartung, zu wenig Zeit für das Wichtige: Die öffentliche Debatte über Schule fragt fast nur noch, wie sich mehr Lehrkräfte gewinnen lassen. Wir schlagen in unserem Diskurspapier eine andere Lesart vor: Der Mangel ist ein Symptom. Er entsteht in einer Systemlogik, die Lernen nur als Unterricht kennt und Unterricht nur als Leistung einer ausgebildeten Lehrkraft. Deshalb stellt das Papier die Frage neu: Welche Rollen und Professionen braucht Schule, damit Lernbegleitung als Prozess strukturell möglich wird? Es ist eine Einladung, stärker entlang der Strukturen zu denken.
Die Kernthesen
Acht zugespitzte Thesen für den Diskurs
These 01 · Diagnose
Das Problem des Systems Schule lässt sich nicht durch mehr Lehrkräfte beheben.
Der Mangel ist real, die Lösung liegt in der Struktur.
Die bekannten Zahlen ergeben erst zusammen ein Bild. Bis 2030 fehlen 23.000 bis 40.000 Lehrkräfte, 43,1 Prozent arbeiten in Teilzeit. Zugleich verlassen rund sieben Prozent die Schule ohne Abschluss, und die Gymnasialchance ist für Akademikerkinder gut dreimal so hoch.
Der Mangel ist ein echtes Personalproblem. Als Lösung taugt mehr Personal trotzdem nicht: Versorgung, Wirkung und Gerechtigkeit haben dieselbe strukturelle Wurzel. Für alle drei gilt die Lehrkraft als zentrale Antwort, entsprechend erdrückend ist der Anspruch an diese eine Berufsfigur. Wer nur nachbesetzt, füllt genau diese Struktur wieder auf.
These 02 · Kern
Jeder Lehrkräftemangel erzeugt einen Lernmangel.
Person und Funktion sind verschmolzen.
In funktional differenzierten Organisationen übernimmt eine Person eine Rolle, die sie ablegen, teilen oder weiterentwickeln kann. Im deutschen Schulsystem ist diese Trennung kaum vorgesehen: Person und Funktion verschränken sich über Jahre. .
So kennt das System keinen Begriff von Lernen ohne ausgebildete Lehrkraft. Fehlt die Person, fehlen alle ihre Funktionen zugleich. Das sagt nichts über die einzelnen Lehrkräfte, aber viel darüber, wie der Beruf gebaut ist
These 03 · Lösung
Eine gute Stunde kann nicht alles zugleich sein.
Lernen braucht eine Architektur statt einer Einheitsstunde.
Eine Stunde kann nicht gleichzeitig aktivierend, beziehungsstark, feedbackreich und individuell zugeschnitten sein. Auch die engagierteste Lehrkraft holt aus 45 Minuten Einheitsformat nicht alles zugleich heraus.
Lohnender ist es, den Block Unterricht in seine wirksamen Bausteine zu zerlegen: Vermittlung, Übung, selbstgesteuerte Lernzeit, Coaching, Projektarbeit, Anwendung und Reflexion. Jeder Baustein braucht eigene Zeit, eigene Räume und eigene Begleitung. Die Frage ist dann, wie Schule diese Vielfalt verlässlich sichert.
These 04 · Steuerung
Das System steuert den Input - nicht das Lernen.
Outcome kommt in der Steuerung kaum vor.
Gesteuert wird vor allem der Input: ob die Stellen besetzt sind und die Stunden stattfinden. Der Output aus Noten und Vergleichsstudien wird zwar erhoben und kommentiert, wirkt aber kaum auf die Strukturen zurück.
Der Outcome, also was Schüler*innen an Verstehen, Selbstwirksamkeit und Orientierung mitnehmen, taucht in der Steuerung kaum auf. Ob die Ziele für Schüler*innen tatsächlich erreicht werden, bildet der Input nicht ab. Das liegt in der Natur von Lernen: Es folgt keiner Input-Output-Logik und lässt sich von außen nicht erzeugen, nur ermöglichen. Wirkung zeigt sich im Outcome, nicht im Ressourceneinsatz.
These 05 · Eigentum
Der Unterricht gehört der Lehrkraft.
Und damit gehört ihr auch das Lernen.
Wo die Funktion in der Person aufgeht, geht auch die Verantwortung auf die Person über. Gehört der Unterricht der Lehrkraft, gehört faktisch auch das Lernen ihr und nicht der Schule als Organisation.
Die übliche Debatte fragt, wie sich die Lehrkraft entlasten lässt. Andersherum betrachtet kann die Organisation gar nicht entlasten, solange Lernen allein in der Hand der einzelnen Lehrkraft liegt. Denn Entlastung setzt voraus, dass die Organisation Zugriff auf das hat, was sie verändern soll. Was ausschließlich der Person gehört, bleibt für die Organisation strukturell unsichtbar.
These 06 · KI
KI kann beides: zementieren oder befreien.
Nicht die Technik entscheidet, sondern die Systemlogik.
Wie KI wirkt, entscheidet die Systemlogik, in die sie eingebettet ist, weniger die Technik selbst. Im ersten Szenario optimiert sie den bestehenden Unterricht und festigt die alte Ordnung.
Im zweiten skaliert sie eine Adaptivität, die vorher strukturell unmöglich war, und löst die Verschmelzung von Lernen, Unterricht und Lehrkraft. Welches Szenario eintritt, entscheidet sich dort, wo Schule ihre Strukturen gestaltet.
These 07 · Begriff
Lernbegleitung ist keine Rolle, sondern eine Funktionslogik.
Lernbegleitung ist Aufgabe der Schule, nicht der Einzelnen.
Im Diskurs erscheint Lernbegleitung oft als neues Berufsbild, in das sich die Lehrkraft verwandeln soll. Das Papier liest den Begriff anders: Lernbegleitung beschreibt, was eine Schule organisieren muss, damit Lernen gelingt. Dazu gehören Diagnostik, Coaching, fachliche Impulse, Beziehungsarbeit und Reflexion.
Diese Funktionen lassen sich auf mehrere Rollen und Professionen verteilen. Damit verschiebt sich die Frage: nicht ob alle Lehrkräfte Lernbegleiter*innen werden, sondern wie Schule Lernbegleitung als Prozess strukturell möglich macht.
These 08 · Lösung
Schule braucht nicht mehr Lehrkräfte - sondern mehr Rollen.
Rollendiversität statt umgewidmeter Lehrkraft.
Heute bündelt die Lehrkraftrolle Diagnostik, Lerncoaching, Materialgestaltung, fachliche Impulse, Beziehungsarbeit und Bewertung in einer Person. Rollendiversität verteilt dieses Bündel: auf multiprofessionelle Teams, neue Berufsbilder und veränderte Zuschnitte im Kollegium.
Für die einzelne Person bedeutet das Entlastung, für die Institution mehr Tragfähigkeit. Auch die Forschung stützt das: Bei Hattie zählt die kollektive Wirksamkeit eines Kollegiums zu den stärksten Einflussfaktoren, nicht die Einzelperson allein.
Das Diskurspapier
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Der Auftakt
Der Deep Dive begann mit dem Zukunftsforum Lernbegleitung: einer Multi-Stakeholder-Veranstaltung – mit Schulpraxis, Wissenschaft, Bildungsverwaltung und Zivilgesellschaft. Gemeinsam haben wir Artefakte des Schulsystems hinterfragt und systemisches Denken zum Berufsbildwandel der Lehrkraft angestoßen.
100+
Teilnehmende
2 Tage
Dekonstruiert & Kreiert
5
Themenstränge
1
Steuerung
2
Lehrkräfteausbildung
3
Lernstrukturen
4
Personalentwicklung
5
Rolle der Lehrkraft