Eine Schulleiterin erzählt, wie sich an ihrer Startchancen-Schule Widerstand zu Aufbruchstimmung wandelt und sich das Kollegium auf den Weg zu selbstorganisiertem Lernen macht.
Gesprächspartnerin: Diana von Harten, Interview: Anne Peter
Diana von Harten leitet die Johann-Comenius-Oberschule in Cloppenburg (Niedersachsen) mit rund 600 Schüler*innen – eine sogenannte „Schule in herausfordernder Lage“ im bundesweiten Startchancen-Programm. beWirken begleitet die Schule in ihrem Schulentwicklungsprozess. Im Interview erzählt die Schulleiterin, warum sie sich für eine externe Prozessbegleitung entschieden hat, welche ersten Schritte bereits sichtbar sind und wie das Kollegium nach anfänglichem Widerstand Aufbruchsstimmung entwickelt hat.
Diana, was macht eure Schule zu einer typischen Startchancenschule?
In manchen Klassen liegt der Migrationshintergrund unserer Schüler*innen bei 100 Prozent, im Durchschnitt bei mindestens 80 Prozent. Dazu kommt eine hohe Fluktuation, weil wir viele Schüler*innen mit Fluchterfahrung haben und diese oft noch einmal umziehen oder wieder in ihre Heimat zurückgehen. Allein letzte Woche sind wieder drei Schüler*innen neu zu uns gekommen, die kaum Deutsch sprechen und teils nicht alphabetisiert sind. Außerdem bezieht ungefähr die Hälfte unserer Familien Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket.
Ihr befindet euch aktuell in einem intensiven Transformationsprozess. Was hat bei euch den Anstoß für Veränderung gegeben?
Ich bin Oktober 2020 an diese Schule gekommen, also mitten in der Coronakrise. Danach kam der Ukraine-Krieg, zeitweise hatten wir über 100 ukrainische Kinder an der Schule. Für Schulentwicklung war da lange kein Raum, nur Abarbeiten von Problemen. Der Leidensdruck ist entsprechend immer größer geworden. Viele Kolleg*innen haben gesehen: So geht es nicht weiter; manche waren und sind allerdings auch sehr skeptisch gegenüber Veränderung, weil sie Sorge hatten, dass das noch mehr Arbeit bedeuten würde. Es gab also auch Widerstand im Kollegium. Als das Startchancen-Programm kam, haben wir gesagt: Jetzt wagen wir einen größeren Schritt!
Der wertvolle Außenblick
Seit Februar 2025 begleitet unsere Prozessbegleiterin Martina Hölscher euren Schulentwicklungsprozess. Wie kam es dazu, dass ihr euch für eine externe Beratung entschieden habt?
Schon vor dem Startchancen-Programm hatten wir eine Beratung vom Regionalen Landesamt. Die hat bei uns nicht den erhofften Schub gebracht. Ich glaube im Rückblick, dass es uns sehr geholfen hat, von jemandem unterstützt zu werden, der nicht selbst aus dem Schulsystem kommt. Der Vorteil einer externen Begleitung ist genau das: Jemand schaut von außen auf unsere Schule, analysiert anders und findet Lösungen, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Wer zusätzliche Erfahrungen von außerhalb des Schulsystems mitbringt, hat weniger vermeintliche Wahrheiten über Schule im Kopf und kann Veränderung freier angehen.
Kannst du ein Beispiel nennen, was für dich in der bisherigen Prozess-begleitung besonders wertvoll war?
Zwei Dinge haben mir sehr geholfen. Erstens der „Golden Circle“ nach Simon Sinek, ein Modell, mit dem man erst das Warum klärt, bevor man über das Was spricht. Das hatten wir vorher nie gemacht – auch die Beratung vom Landesamt nicht. Zweitens hat unsere Prozessbegleiterin uns das Projektmanagement-Tool Zenkit empfohlen. Das hat unsere Arbeit enorm erleichtert – das gebe ich auch nach den zehn Jahren Startchancen-Programm nicht wieder her.
Eine gemeinsame Vision
Wie habt ihr euer Warum definiert?
Unsere AG Schulentwicklung hat eine Vision entwickelt: „Wir begleiten junge Menschen auf dem Weg zu zukunftsfähigen Persönlichkeiten, indem wir Selbstständigkeit fördern, soziale Kompetenz stärken und sie auf eine sich wandelnde Welt vorbereiten.“ Beim Herausarbeiten der dahinterliegenden Kompetenzen sind wir beim 4K-Modell gelandet, das vier Fähigkeiten als essentiell für unsere zukünftige Welt beschreibt: Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und Kritisches Denken. Mein persönliches erstes großes Ziel wäre aber: dass unsere Schüler*innen motiviert sind. Wir wollen, dass sie gerne zur Schule kommen, um etwas zu lernen. Das klingt einfach, ist aber schwer – und wäre schon ein Riesenschritt.
Was waren eure allerersten Schritte im Veränderungsprozess?
Wir hatten ganz zu Anfang bereits interne Arbeitsgruppen aufgebaut und erste Pilotversuche gestartet. Als beWirken an Bord kam, sind wir dann noch mal einen Schritt zurückgegangen und haben den Ist-Stand erhoben, über quantitative und qualitative Befragungen: Fragebögen, Interviews, die beWirken für uns geführt hat, ein Auswertungsworkshop, dazu regelmäßiger Austausch mit unserer Prozessbegleiterin Martina. Bei der Ist-Analyse kamen viele Ängste und Unsicherheiten der Kolleg*innen zutage. Wir haben uns entschieden, sie erst grundlegend über verschiedene Möglichkeiten zu informieren – zu Lehrkräftegesundheit ebenso wie zu Lernkonzepten – statt ihnen etwas überzustülpen. Und dann haben wir mit einer „Zukunftswerkstatt“ noch mal eine motivierende Auftaktveranstaltung für alle angesetzt.
Von Ängsten zu Aufbruchstimmung
Was stand bei dieser Zukunftswerkstatt auf dem Programm?
Das waren anderthalb Tage, direkt vor den Herbstferien, mit der gesamten Schulfamilie. Wir sind ins Kino gegangen und haben dort einen Zusammenschnitt aus den „UnLearn School“-Filmen von beWirken gezeigt. Danach gab es einen Input dazu, warum Veränderung nötig ist. Auf dem Rückweg zur Schule konnten sich alle beim Spazieren locker austauschen; dann gab es ein gemeinsames Frühstück. Mir war es wichtig, eine wertschätzende Atmosphäre zu schaffen. Anschließend liefen in drei Bändern parallele Workshops – etwa zu Raumkonzept, Lehrkräftegesundheit und Lernkonzepten. Jede*r konnte mehrere verschiedene Themen kennenlernen. Es gab auch eine „Ideenoase“ zum Rückzug bei Überforderung. Am zweiten Tag ging es in vertiefende Workshops, in denen die Kolleg*innen konkrete erste Schritte entwickelt haben. Auch Schüler*innen und Eltern waren eingeladen: rund 30 von 600 Schüler*innen kamen, aber nur zwei Elternteile – das ist bei unserer Elternschaft nicht untypisch und nicht zuletzt durch Sprachbarrieren bedingt. Man muss einfach damit leben und das Beste daraus machen.
Du hast geschildert, dass es am Anfang durchaus auch Widerstand im Kollegium gab. Was waren die Gründe, und wie seid ihr damit umgegangen?
Veränderung wird schnell mit noch mehr Arbeit gleichgesetzt, dazu kommen Unsicherheit und Ängste: Wir haben doch Lehrpläne, wie soll das gehen? Gehen uns die Schüler*innen nicht über Tische und Bänke, wenn wir alles so anders machen? Wichtig war, die Kolleg*innen nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wir haben gesagt, dass noch nichts entschieden ist. Wir haben erstmal die Köpfe geöffnet, informiert, gezeigt, was möglich ist – nichts von oben vorgegeben. Ohne das Kollegium kann ich ohnehin nichts umsetzen. Gedreht hat sich die Stimmung in Teilen tatsächlich durch die Zukunftswerkstatt. Der Film war dabei ein erster Anstoß, entscheidend war die Workshop-Arbeit danach.
Neue Räume und Hospitationen
Kannst du Beispiele für erste kleine Veränderungsmaßnahmen nennen, die ihr umgesetzt habt?
Im Bereich Partizipation haben wir über die Einführung eines Klassenrats nachgedacht. In Sachen Raumkonzept haben wir einfach klein angefangen und bereits zwei Räume umgestaltet, in Anlehnung an das Modell der Alemannenschule: ein Raum mit Teppich, Kissen, Partner- und Gruppenarbeitstischen und Sitzkreis, ein anderer Raum als Lernbüro, in dem man konzentriert für sich arbeiten kann. Die Schüler*innen waren sofort begeistert von den neuen Räumen – und die ersten Kolleg*innen haben mir schon Einkaufslisten gebracht, um auch ihre Klassenräume umzugestalten. Wir hospitieren außerdem an anderen Schulen, etwa an der Hauptschule Damme, demnächst an der Friedensschule Osnabrück.
Neue Räume mit einfachen Mitteln: „Lernbüro“ und „Marktplatz“ (hier im Bild zu sehen) ermöglichen verschiedene Lernsettings: individuelles und gemeinschaftliches Arbeiten. Foto: Elisabeth Lautenschläger
Wie schafft ihr dafür die Zeit im Schulalltag?
Ehrlich gesagt: Unterricht fällt aus. Bei Hospitationen ermöglichen wir bis zu zehn Kolleg*innen die Teilnahme, das müssen die anderen auffangen. Für unsere AG Schulentwicklung haben wir im Stundenplan eine Doppelstunde fest verankert – eine Stunde kommt sozusagen von der Schule, eine bringen die Lehrkräfte freiwillig mit. Wir haben auch gelernt: Nachmittagstermine bringen wenig, weil alle erschöpft sind – produktiver sind Vormittage. Man muss den Kolleg*innen entgegenkommen und Wertschätzung zeigen, sonst kommt man nicht voran.
Neues Lernkonzept am Horizont
Wie geht es weiter? Was sind die nächsten größeren Schritte in eurem Prozess?
Ich hoffe, dass wir ab dem nächsten Schuljahr mit mindestens einem, besser zwei Jahrgängen ein neues Lernkonzept einführen, das Eigenverantwortung stärkt und durch das die Schüler*innen beim Lernen ihre eigenen Prioritäten setzen. Wo genau wir starten, hängt davon ab, wo wir engagierte Lehrkräfte finden, die das mit ihren Klassen ausprobieren wollen.
Und wo steht ihr in fünf Jahren?
Ich persönlich wünsche mir eine Schule, in der sich Schüler*innen so wohlfühlen, dass sie wirklich gerne kommen – weil sie sich selbst organisieren dürfen, eigene Stärken und Schwerpunkte setzen können, auch jenseits von Noten. Ich wünsche mir ein Kollegium, das zukunftsfähig aufgestellt ist, aus lauter Lernbegleiter*innen und Lerncoaches. Dass wir außerdem messbar machen können, was das bewirkt: mehr und bessere Abschlüsse. Und wer weiß – vielleicht gewinnen wir sogar einen Gymnasialzweig dazu.
Das Interview wurde im November 2025 geführt.
Johann-Comenius-Oberschule
Die Johann-Comenius-Oberschule in Cloppenburg ist eine von bundesweit 4.000 Startchancenschulen. Mit rund 600 Schüler*innen, einem Migrationshintergrund von durchschnittlich rund 80 Prozent und etwa 50 Prozent Schüler*innen, deren Familien Bildung-und-Teilhabe-Leistungen beziehen, steht die Schule vor großen Herausforderungen. Seit Oktober 2020 wird sie von Diana von Harten geleitet und seit Februar 2025 von beWirken in ihrem Schulentwicklungsprozess begleitet.
Diana von Harten
Diana von Harten leitet seit 2020 die Johann-Comenius-Oberschule in Cloppenburg. Zuvor war sie von 2015 bis 2020 als Didaktische Leiterin und kommissarische Konrektorin an der OBS Harpstedt tätig. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester und mehreren Jahren in diesem Beruf absolvierte sie eine weitere Ausbildung zur Informatikkauffrau und arbeitete anschließend im Verwaltungsbereich. Später studierte sie Chemie und Wirtschaft und trat in den Schuldienst ein.
Startchancen-Programm
Mit dem Startchancen-Programm unterstützen Bund und Länder über einen Zeitraum von zehn Jahren rund 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen. Ziel ist es, Bildungschancen zu verbessern und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu verringern. Die Schulen erhalten dafür zusätzliche Mittel und Unterstützung in drei Bereichen: Investitionen in eine moderne, lernförderliche Infrastruktur, ein Chancenbudget für eigene Entwicklungsprojekte sowie zusätzliches Personal zur Stärkung von Basiskompetenzen und sozial-emotionaler Entwicklung. Das Programm ist im Schuljahr 2024/25 gestartet.
Unterstützung für eure Schulentwicklung
Ihr wollt eure Schule nachhaltig transformieren und sucht nach einer professionellen Prozessbegleitung? Mit unserem Programm für Schulentwicklung und unseren erfahrenen Berater*innen unterstützen wir euch in verschiedenen Intensitätsstufen in eurem Transformationsprozess – ganz nach euren individuellen Bedürfnissen.
Wir begleiten euch auf eurem Weg der Veränderung bedarfsorientiert und individuell gestaltbar. Erfahre mehr über unseren Schulentwicklungsansatz und die Möglichkeit, auch euch als Schule zu begleiten.