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Wenn das System alle überfordert

Warum die Debatte über fehlende Lehrkräfte am eigentlichen Problem vorbeigeht. Ein Diskursbeitrag von beWirken.

Fragt man heute in einer Schule, wer sich überlastet fühlt, heben fast alle die Hand. Lehrkräfte, die zwischen Unterricht, Diagnostik, Elterngesprächen und Bürokratie zerrieben werden. Schulleitungen, die den Mangel verwalten, statt zu entwickeln und zu gestalten. Schüler*innen, die alle im selben Takt durch denselben Stoff geführt werden, obwohl ihre Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten; die einen langweilen sich, die anderen kommen nicht mit, und die psychische Belastung wächst. Eltern, die spüren, dass ihre Kinder unter Druck stehen, und die das Beste für sie wollen, gute Abschlüsse und offene berufliche Wege, und damit manchmal selbst zum Druck beitragen.

Diese Dauerüberlastung hat Folgen. Bei rund 60 Prozent der Lehrkräfte zeigt sie sich in einem gesundheitlich riskanten Beanspruchungsmuster; bei etwa der Hälfte, rund 30 Prozent, besteht eine starke Burnout-Gefährdung. Immer mehr verlassen den Beruf vorzeitig: Auf jede regulär in den Ruhestand gehende Lehrkraft kommen inzwischen drei vorzeitig aussteigende Kolleg*innen. So schließt sich ein Kreislauf: Überlastung treibt Lehrkräfte aus dem Beruf, der Mangel wächst, und die Last verteilt sich auf immer weniger Schultern.

Sichtbar wird die Schieflage auch an dem, was am Ende herauskommt: 8,1 Prozent eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Allein in 2025 waren das rund 64.000 junge Menschen, die kaum eine Perspektive auf einen Beruf oder gesellschaftliche Teilhabe haben. Nach der breiteren EU-Definition der „Early Leavers“ sind es sogar 12,9 Prozent und damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 9,4 Prozent. Und von den Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss verfehlt rund ein Viertel den Mindeststandard im Lesen. Angesichts dieser Zahlen muss man sagen: die Wirksamkeit unseres Schulsystems ist mangelhaft.

Die naheliegende Antwort, die seit Jahren gegeben wird, lautet: mehr Lehrkräfte, damit weniger Unterricht ausfällt. Und der Mangel ist real: Bis 2030 fehlen je nach Prognose 23.000 bis 40.000 Lehrkräfte. Die Lösung „mehr vom Gleichen“ allein trägt aber nicht. Selbst wenn morgen jede offene Stelle besetzt wäre, würde das nur bedingt entlasten, etwa im Stundenplan, und nicht zwangsläufig zu mehr Lernen und besseren Ergebnissen führen. Denn die Grundlogik bliebe dieselbe: eine Lehrkraft, eine Klasse, 45 Minuten.

Diese Logik ist über hundert Jahre alt. Sie bündelt fast alles, was Lernen ausmacht, in einer einzigen Person und einer einzigen Rolle. Daraus wächst eine stille Erwartung an die Lehrkraft: Sie soll Fachwissen vermitteln, Lernprozesse begleiten, Leistungsprobleme diagnostizieren, Förderpläne aufstellen, Beziehungen tragen, Konflikte moderieren, Elterngespräche führen und nebenbei Ausflüge organisieren. Kein Mensch kann das dauerhaft leisten und diesen vielen verschiedenen Aufgaben gerecht werden. Die Überforderung steckt damit im Bauplan des Systems.

Hier setzt unser Diskurspapier „Mehr als die Lehrkraft“ an. Es stellt eine andere Frage als die nach mehr Köpfen: Welche Rollen und Professionen braucht eine Schule, damit gutes Lernen überhaupt strukturell möglich wird?

Dafür braucht es viele Kompetenzen nebeneinander: Menschen, die Lernprozesse begleiten, die Material entwickeln, die coachen, die Übergänge gestalten. Vieles davon wird längst getan, nur ist es keiner eigenen Rolle zugeordnet und kaum jemand ist dafür ausgebildet oder spezialisiert.

Was entlastet das System aus unserer Sicht? Eine Schule, die ihre Personalressourcen anders organisiert und das Lernen auf viele verschiedene Schultern verteilt. Eben nicht nur auf die Schultern von fachdidaktisch ausgebildeten Lehrkräften. Stattdessen braucht es  Rollendiversität: verschiedene Professionen mit klar umrissenen Funktionen, die den Lernprozess gemeinsam tragen und in der Organisation Schule verankert sind. Mehr Rollen heißt dabei nicht mehr Last für Einzelne. Die Aufgaben verteilen sich, die Schulleitung gestaltet das Zusammenspiel. 

Schnell wirken kann dabei der Quereinstieg in eine dieser Rollen. Wer aus einem anderen Beruf kommt, bringt oft genau die Stärken mit, die Schule heute braucht; eine IT-Fachkraft etwa kann Diagnostik- und Datenkompetenz in den Lernprozess einbringen – und die Schul-Cloud nebst Homepage vermutlich kompetenter administrieren als eine Lehrkraft, die das nebenbei „mal eben mitmachen“ soll. Werden solche Menschen als eigenständige Profile gewonnen und nicht als kurzfristige Lückenfüller eingesetzt, entlastet das sofort den Rest des Kollegiums und hebt die Qualität. Für die Schüler*innen heißt das: mehr Professionen, die ihren Lernweg im Blick haben und mit spezifischer Expertise unterstützen.

Bleibt die Frage: Wer kann das in Gang setzen? Die größten Hebel liegen bei der Bildungspolitik, die als Einzige das Paradigma selbst verschieben kann. Ein konkreter erster Hebel: neue Rollen als reguläre, finanzierte Stellen zu verankern. Befristete Projektmittel tragen das nicht. Hierfür braucht es Mut und Veränderungsbereitschaft – für eine Arbeit am System statt dem Herumdoktern an Symptomen. Solange wir die Strukturfrage umgehen, wird die Erschöpfung bleiben. 

Vertieft haben wir diesen Ansatz in unserem Papier „Mehr als die Lehrkraft – Diskurspapier zu Rollendiversität in Schule“. Es ist ein Angebot zum Mit- und Weiterdenken. Das Papier bündelt, was im Feld bereits gedacht und erprobt wird, ordnet es systemisch ein und entwickelt daraus konkrete Lösungsangebote.

Diskurspapier

Mehr als die Lehrkraft

Unser neues Diskurspapier stellt der Personalfrage eine Strukturfrage voran: Schule muss Lernen so organisieren, dass es nicht an einer einzigen Rolle hängt.

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