Beim Zukunftsforum Lernbegleitung von beWirken dekonstruieren die Teilnehmenden althergebrachte Muster des kriselnden Schulsystems. Dazu zählen das Verständnis von Lehrkräften als Einzelkämpfer*innen oder Arbeitszeitmodelle, die nur Unterrichtsstunden als Währung kennen. Etwa 120 Expert*innen aus vielfältigen Bereichen der Bildungsszene bauen an grundlegenden Veränderungen.
Text von Holger Schleper, Fotos und Video von Max Busch / VORNE
Jahr für Jahr verlassen etwa 75.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland den Schuldienst. Die Zahl ist alarmierend, denn „auf eine regulär altersbedingt ausscheidende Lehrkraft kommen derzeit fast drei Lehrkräfte, die aus anderen Gründen dauerhaft gehen“, heißt es vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Wesentlicher Treiber: Überlastung. Zu diesem Schluss kommt das Positionspapier „Massenexodus der Lehrkräfte?“.
Die FiBS-Studie erscheint zwei Tage vor dem „Zukunftsforum Lernbegleitung“. Und sie unterstreicht, wie nah die Tagung am Puls der Zeit liegt. Denn im Mittelpunkt steht die Frage, warum das Schulsystem radikale Veränderung braucht. Und wie das gelingen kann. Dazu kommen fast 120 Expert*innen aus Politik, Verwaltung, Bildungspraxis und Wirtschaft im Impact Hub Berlin zusammen. Eingeladen hat das gemeinnützige Sozialunternehmen beWirken. Seit 2017 begleitet es Lehrkräfte und Schulen in Entwicklungsprozessen.
Es reiche nicht mehr aus, Symptome zu behandeln, stellt Björn Adam, Mit-Gründer von beWirken, zu Beginn fest. „Wir wollen eine Systemebene höher gehen. Altes loslassen, Neues ausprobieren – hin zu einem Berufsbild an Schulen, das weit vielfältiger sein darf, als wir es bisher kennen.“
Referent*innen rütteln am Selbstverständnis von Lehrkräften
Ein zentrales Thema: das Rollenverständnis von Lehrkräften. Daran rüttelt gleich zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung der KI-Experte Max Mundhenke. Er demonstriert, wie ChatGPT in Sekundenschnelle eine Deutsch-Aufgabe zur Analyse des Lessing-Dramas Emilia Galotti löst. Er bittet den Chatbot auch, die Fragestellung mit Begriffen aus der Sportwelt zu beantworten, um das Thema für Jugendliche zugänglicher zu machen. Es gibt dann in der Drama-Analyse von ChatGPT das „Team Bürgertum“ und den Adel, der nicht an Fair Play interessiert ist.
Mundhenke gibt für weitere Anfragen an, dass er Antworten benötigt, die berücksichtigten, dass er ADHS hat oder Deutsch nicht seine Muttersprache ist. „KI-Tutoren sind 24/7 verfügbar, passen sich dem Lernenden an und sind unendlich geduldig“, sagt er. Und fragt: „Wenn wir Wissen individualisierbar abrufbar machen können, was passiert dann mit der Rolle der Lehrkraft?“
Die Antwort von Judith Holle, Geschäftsführerin von beWirken: „Lernbegleitung ist die Zukunft.“ Denn gerade durch Digitalisierung und KI werde die menschliche Beziehungsebene im Lernen zum zentralen Mehrwert. Die Lehrkraft nimmt dabei eine unterstützende Rolle ein und setzt verstärkt darauf, Selbstlernkompetenzen zu vermitteln. Zum Verständnis und zur Grundlage von Lernbegleitung zählt, dass
- Lehrkräfte Verantwortung an Schüler*innen abgeben
- Schüler*innen zu aktiven Mitgestalter*innen werden
- die Schulgemeinschaft zum Team wird – und externe Partner gezielt einbindet
- die Schulgemeinschaft eine gemeinsame Vision entwickelt
Die Idee von Lehrkräften als Einzelkämpfer*innen ist tief verwurzelt
Dass es damit um einen grundlegenden Wandel des Rollenbildes geht, macht auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), bei einer Podiumsdiskussion deutlich. Als sie in den Beruf als Lehrerin startete, hieß es aus der Familie noch: „Wenn du Lehrerin bist, dann bist du Königin im Klassenzimmer.“ Auch sie spricht damit einen Gedanken an, der die Tagung durchzieht: Wie lässt sich die im System tief verwurzelte Idee von Lehrkräften als Einzelkämpfer*innen verändern? Und wie kann man das Arbeiten in Teams und auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion stärken?
Alexander Brand, Autor des Buches „Die Bildungsweltmeister“, gibt Einblicke in Schulsysteme von Nationen, die in der Pisa-Studie weit vorne liegen. Dabei fällt auf, dass die Vorstellung von Lehrkräften, die hinter verschlossenen Klassenzimmer-Türen agieren, in einigen Ländern systematisch aufgebrochen wurde.
In Singapur etwa gibt es professionelle Lerngemeinschaften. „Das sind Arbeitsgruppen von etwa fünf bis sieben Lehrkräften, die über ein bis zwei Schuljahre zusammen zum Beispiel Unterrichtsprojekte planen“, berichtet Brand. Die Gruppen treffen sich alle ein bis zwei Wochen und hospitieren gegenseitig im Unterricht. Jede Lehrkraft in Singapur ist Teil einer Arbeitsgruppe.
Cora Stein, die bei der Crespo Foundation die Bereiche Bildung und Soziales leitet, findet das überzeugend: Vieles aus dem Ausland sei schwer zu übertragen. „Aber wir brauchen auch kleine Einfallstore.“ Und das kooperative Arbeiten sei kosten- und ressourcenneutral einführbar.
Personalentwicklung setzt zu wenig auf Persönlichkeitsentwicklung
Der Personalentwicklung widmet sich der Change-Management-Experte Heiko Roehl. Er präsentiert eine Analyse von Katalogen an Weiterbildungen in Unternehmen und vergleicht sie mit den Angeboten im Schulsystem. Sein Fazit: Während Unternehmen sehr gezielt fördern, dass sich Beschäftigte auch mit ihrem Wohlbefinden und Belastungsgrenzen auseinandersetzen, komme das für Lehrkräfte kaum vor.
„Reflexivität ist ein Schlüssel für Transformation“, sagt Roehl. Im Fortbildungsbereich werde das allerdings kaum thematisiert. Dennis Sawatzki, Geschäftsführer des Instituts für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik, fasst die Ergebnisse eines Workshops zur Personalentwicklung im Rahmen des Forums später so zusammen: „Personalentwicklung bedeutet im schulischen Kontext nicht auch Persönlichkeitsentwicklung.“
Aber nicht nur die Rollenbilder der Lehrkräfte stehen zur Debatte. Die Teilnehmenden analysieren auch die Steuerungsmechanismen im Schulsystem – und loten Alternativen aus. So stellt Jürgen Müller von der Initiative Neues Lernen das „Werkstattprojekt Freiräume(n)“ der Deutsche Telekom Stiftung vor. Darin geht es um ein alternatives Modell zur Organisation der Lehrkräftearbeitszeit – weg vom mehr als 150 Jahre alten Deputatsmodell, das allein die Unterrichtsstunden definiert, aber alle weiteren Tätigkeiten im Schulalltag unberücksichtigt lässt.
13 Schulen aus sieben Bundesländern haben sich mit der Frage befasst, wie sich die 2023 erschienene Expertise „Lehrkräftearbeitszeit in Deutschland“ von Mark Rackles, früherer Staatsekretär für Bildung in Berlin und heute Bildungssenator in Bremen, in der Praxis umsetzen ließe. Herausgekommen ist eine Ideensammlung für Schulleitungen und Lehrkräfte. Impulse sind etwa diese:
- neue Rhythmisierung des Schulalltags durch selbstorganisiertes Lernen mit regelmäßigen Coaching-Phasen
- übliche Stunden- und Pausenraster (z. B. 45-Minuten-Takt, fester Klassenverbund) überdenken und anders gestalten
- kollaborative Erarbeitung von Unterrichtsmodulen in Jahrgangsteams oder fächerübergreifend
Nicole Lass, Lehrerin am Regionalen Beruflichen Bildungszentrum in Stralsund, kann den Ideen viel abgewinnen: „Wir müssen andere Lernoptionen finden“, sagt sie. „Weg vom klassischen Stundenplan, hin zu Teams von Kolleginnen und Kollegen, die an Lernfeldern orientiert arbeiten, die aufeinander aufbauen.“
Bremer Pilotprojekt zur Arbeitszeiterfassung soll bald starten
Auch mit dem Oberthema, wie sich die Arbeitszeit von Lehrkräften gestalten und erfassen lässt, greift das „Zukunftsforum Lernbegleitung“ ein hochaktuelles Thema auf. Denn zum einen startet die Telekom Stiftung mit nun 26 Schulen in zehn Bundesländern in eine zweite Projektphase. Zum anderen setzt Mark Rackles in Bremen ein Pilotprojekt zur Arbeitszeiterfassung um. Es soll zum Schuljahr 2026/2027 starten.
Keine Zukunftsmusik, sondern bereits in Umsetzung ist der „Freiräumeprozess“ in Niedersachsen. Marie Bludau und Peter Reinert vom Kultusministerium in Hannover stellen das Projekt vor. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass die Schulen vor Ort am besten wissen, was sie tun müssen, um alle Beteiligten – vor allem die Schüler*innen – in ihrer Entwicklung bestmöglich zu unterstützen.
„Offene Lernformate wie Lernbüros oder themenorientierter Unterricht benötigen keine Genehmigung durch das Ministerium“, sagt Reinert. Solche Modelle verändern die Stundentafel nicht, sondern lediglich die Organisationsform des Lernens. Auch dazu, den Umfang und die Zeiten schriftlicher Arbeiten zu individualisieren, ermuntert das Ministerium in seinen FAQs zum Freiräumeprozess.
Eine wachsende Zahl an Schulen in Niedersachsen nutzt die Freiräume und lädt andere Schulen zum Hospitieren ein. Der Gedanke, das Netzwerk zu stärken und Erfolgsideen in die Breite zu bringen, ist auch für beWirken zentral. Beim Zukunftsforum stellt das Unternehmen ein Framework vor, das Muster und Strukturen zukunftsfähiger Schulen aus ganz Deutschland bündelt. Die Kernfrage: Wie funktioniert Lernen und Organisation, wenn Schule nicht mehr ausschließlich um Unterricht kreist?
Noch ist der Prozess am Beginn. Ziel ist es, ein Modell zu schaffen, das über Einzelfälle hinaus Orientierung für Entwicklung und Veränderung bietet. Ganz im Sinne von beWirken-Gründer Björn Adam: „Wir müssen gemeinsam die Spielregeln verändern.“
Holger Schleper ist Bildungsredakteur und Teil des Bildungsdossiers Kuhn + Schleper, das er 2025 mit Annette Kuhn gegründet hat. Das Bildungsdossier bietet in die Tiefe recherchierte Whitepaper und Dossiers zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen zur schulischen Bildung. Auch Tagungsberichte aus der Bildungsszene gehören zum Portfolio. Zuvor war Holger Schleper beim Fachmedium Bildung.Table zuständig für bildungspolitische Themen auf Ebene von Bund, Ländern und Kommunen.